Die Geschichte der Krumbacher Haarstube (Hoarstubn)

 

- erbaut vermutlich um 1500, jedenfalls wahrscheinlich vor 1577

 

 

Vermutlich Ende des Mittelalters oder Anfang der Neuzeit (also rund um 1500) entstand hier (laut Historiker Prof. Dr. Heinz Jankowsky aus Wien – persönliche Mitteilung), wie auch an anderen Stellen unserer Region, eine Haarstube als Holzblockbau.

 

Sehr wahrscheinlich jedenfalls stand der erste Holzblockbau hier schon vor dem Jahr 1577, denn ab diesem Jahr existieren noch „Haarspinnregister“ im Gemeindearchiv von Krumbach. Aus jener Zeit stammen vermutlich noch Reste der heutigen Grundfesten und vor allem die Deckenträger (diese massiven und gehackten Holzbalken wurden beim Umbau 2005 freigelegt und waren geschwärzt, sehr hart, kaum einzubohren und augenscheinlich sehr alt, jedenfalls unvergleichlich älter als es der Zeit seit dem letzten großen Neubau 1938 entsprechen würde).

 

 

 

Titelseite des Krumbacher Haarspinnregisters ab 1596 („Der Herrschafft Krumpach Register auf weliches Jar, und weliche Heuser man den Haar außzuspinnen geben“)

 

 

In einer Haarstube (Spinnstube) wurde im damals weitgehend autarken Dorf gemeinschaftlich der Flachs gesponnen (Flachs, auch Lein genannt, Pflanze aus dem Leinsamen, Linum usitatissimum). Der Flachs wurde teilweise auch gleich zu Leinengeweben oder beispielsweise Seilen weiterverarbeitet. Lein ist eine der ältesten Kulturpflanzen. Bereits vor 6000 Jahren wurden in Ägypten Leintücher hergestellt. In Europa war Lein bis ins 18. Jahrhundert die wichtigste Pflanzenfaser überhaupt und neben Wolle der wichtigste textile Rohstoff. Früher fand man bei uns daher viele blau blühende Flachsfelder vor. Der Ausspruch: „ins Blaue fahren“ hat sich seither gehalten, um auszudrücken, dass man aufs Land fährt, wenn gleich es nun immer öfter heißt „ins Grüne fahren“.

 

 

 

Eine Seite des Buches aus dem Krumbacher Haarspinnregister, das mit dem Jahr 1577 beginnt („Pregartten“ – heute Prägart – Name, Tabelle mit Jahreszahlen – beginnend mit 77, 78, 79, ...)

 

 

Mit „Hoar“ wurde in unserer Gegend früher der Flachs bezeichnet, speziell die Flachsfaser. Zunächst musste der Faseranteil mühsam vom Holzanteil getrennt werden. Erst nach dem, mit viel Aufwand verbundenen Vorbereiten der Fasern konnte das Garn für Leinen gesponnen werden.

 

Faserlein oder Flachs wurde früher per Hand gerauft und nach der Röste weiter verarbeitet.

Heute wird Flachs maschinell in drei Schritten geerntet: Raufen, Wenden, Pressen. Zwischen dem Raufen und Pressen muss der Flachs rösten (rotten). Dazu lässt man das Flachsstroh über Wochen auf dem Feld liegen, und setzt es Regen und Trockenheit aus. Bodenbakterien übernehmen den Verrottungsprozess. Beim Verarbeiten wird das Flachsstroh geriffelt (Entfernen der Samenkapseln), gebrochen, geschwungen und gehechelt (bei langen Fasern - Schwungflachs) oder kardiert (bei kurzen Fasern - Schwungwerg). Aus den so entstandenen Bändern werden Garne gesponnen. Aus den langen Fasern werden die feinen Garne und aus den kurzen Fasern (Werg) die gröberen Garne gesponnen.

 

(Bild: Dir. Otmar Zaoralek) 

Jahrhundertealter Holzblockbau mit typischem Giebelkreuz, strohgedeckt, stand in dieser Form bis 1938

 

 

Das Spinnen war hauptsächlich eine Frauenarbeit. So versammelten sich vor allem an den langen Winterabenden eine Reihe Frauen und Mädchen in der Haarstube um dieser Tätigkeit nachzugehen. Dabei wurden Neuigkeiten ausgetauscht und Geschichten erzählt, oder es wurde auch gesungen. Generell kann man die Haarstube als dörfliches Kommunikationszentrum bezeichnen, das zur Herrschaft Krumbach gehörte, und später von der Gemeinde verwaltet wurde. Die Burschen oder Männer haben dazu auf Instrumenten gespielt oder ebenfalls Märchen, Sagen oder Hexen- bzw. Gespenstergeschichten erzählt.

 

Da es manchmal zu „Ausschreitungen“ oder auch zu allzu engen Kontakten zwischen den Geschlechtern kam, mussten polizeiliche „Spinnstubenordnungen“ erlassen werden, welche die Zeit und Dauer des Beisammenseins regelten. Dennoch sollen angeblich einige der Krumbacher Vorfahren hier ihren Ursprung haben.

 

1577 beginnt das älteste vorhandene „Haarspinnregister der Herrschaft Krumbach“, in dem die Höfe genannt sind, die Haarzehent-Leistungen erbracht haben.

 

Erstmals urkundlich genannt wird die Haarstube nach Dir. O. Zaoralek 1643 im Marktbuch von Krumbach.

 

 

 

Folgendes Bild: Lein bzw. Flachs mit Blüten

 

 Die Haarstube (auch Lichtstube genannt) wird von Othmar Zaoralek folgendermaßen beschrieben:

„Es war Brauch, die langen Winterabende gemeinsam in geselliger Handarbeit zu verbringen. Die Spinnstube wanderte zuerst, wie die Schule, von einem zum andern Hof. Frauen und Mädchen spannen, die Burschen machten Musik, es wurden Volkslieder gesungen, Hexen- und Gespenstergeschichten erzählt, aber auch die Überlieferung alter Sagen, Märchen und geschichtlicher, besonders örtlich wichtiger Ereignisse gepflegt. Hier war der einstige Kernpunkt geselligen Dorflebens. Später wurden eigene Haarstuben errichtet, wovon die in Prägart noch steht, die im Markt (Nr. 28) kürzlich abgerissen wurde. (Anm.: verfasst um 1950. 1938 wurde der Holzblockbau durch einen Holzriegelbau gleichen Ausmaßes, teilweise auf den alten Grundmauern, ersetzt.)

Dass die Unterhaltungen in den Haarstuben häufig sehr derb geführt wurden zeigt heute noch der Brauch, dass „brechelnde Weiber gerne ein Mannsbild abfangen und „hobeln“ – zuletzt die Kleidung des keineswegs beneidenswerten Opfers mit der beißenden scharfen Spreu ausstopfen und dann den armen Teufel, der sich vor Jucken und Kitzeln nicht zu helfen weiß, schadenfroh heimschicken! Man schreckt da auch vor Amt, Würden und Titel nicht zurück, wie das ein Krumbacher Gemeinde- und Kammerrat vor zirka 20 Jahren erleben musste.

Wegen der in den Spinnstuben vorkommenden Ausschreitungen in sittlicher Beziehung mussten von den Behörden „Spinnstubenverordnungen“ erlassen werden.

In den Haarstuben Krumbachs spielten auch die sogenannten „Biraknecht“ eine wichtige Rolle. Als der Verfasser (Anm: Otmar Zaoralek) 1890 nach Krumbach kam, war daselbst noch einer dieser schon seltenen Gesellen, Lebenskünstler und Philosophen auf einem Hof in Bonholz daheim. Zufällig kam ich kürzlich mit einem Hochneukirchner ins Gespräch, der mir mitteilte, dass ein alter Bauer die „Biraknechte“ erwähnte. Die Bezeichnung Biraknecht – so meinte der Alte – sollte daher kommen, dass diese Leutchen mit dem Frühling zur Zeit der blühenden Birken hinaus ins Land zogen, und wenn das Laub dieses lieblichen nordischen Baumes ins Herbstgold fiel, da kamen sie wieder heim, machten Rechen, Gabeln, Dreschflegel, Besen und Hackenstiele, und ersetzten, was wohl die Hauptsache ihrer Beliebtheit gewesen, die Zeitungen!! Jedenfalls war’s billiger! Und gelogen wurde auch weniger. Diese „Biraknechte“ waren die geistigen Mittelpunkte der Heimabende und der Haarstuben und haben sich gewiss durch Intelligenz, Phantasie, als Träger traditionellen Volksbrauchtums und – nicht zuletzt – durch gesunden, kräftigen Humor ausgezeichnet. Der Letzte von ihnen war der „Ghatscht Stinl“ – mit den „Keanleichten“ erloschen auch ihre Lichtlein.“  Ende des Zitats.

 

Nach der Revolution von 1848 „annektierte“ (Wortwahl „Annexion“ lt. Dir. O. Zaoralek im Grundbuchsauszug von ca. 1870) die angestrebte und in Gründung begriffene „Marktgenossenschaft“ (gebildet aus den Besitzern der „Urhäuser“ im Markt, also den ältesten Häusern) das zuvorige Herrschafts- und seitherige Gemein-Eigentum Haarstube, so wie beispielsweise auch den einst zusammengehörigen Grund unterhalb, den heutigen „Holzer-Park“. 1864 war dieser Grund offiziell noch Gemeindeeigentum. Nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten wurde die Markgenossenschaft erst 1876 formell anerkannt.

 

Seit 1989 befindet sich der nunmehrige „Holzer-Park“ im Besitz der Marktgemeinde Krumbach. Eine eigenartige Laune der lokalen Geschichte ging nach deutlich mehr als 100 Jahren zu Ende.

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die Haarstube ihre Daseinsberechtigung, denn nun wurden vermehrt Baumwollstoffe importiert. Der Flachs verschwand mehr und mehr aus der Buckligen Welt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden übrigens auch die Alleebäume (überwiegend Linden) gepflanzt, die heute als mächtige Riesen den Kern des Holzer-Parks bilden.

 

Othmar Zaoralek schreibt weiter über die Haarstube: „Ende des 19. Jahrhunderts wurden daselbst etliche Schwachsinnige betreut. Um 1900 wurde die Haarstube vermietet und 1938 niedergerissen.“ Ende des 19. Jahrhunderts (etwa von 1870 bis 1900) wurden hier tatsächlich „Irrsinnige, Cretinen, Blinde und Taubstumme“ untergebracht.

 

Zeichnung und Untertitel von Dir. O. Zaoralek

 

 

Für mehr als 30 Jahre wurde die langgezogene Haarstube dann vermietet, und zwar an jeweils 2 Hausparteien.

 

1938 erwarben Alois und Anna Holzer die Haarstube samt umliegendem Grund (Hufweide), der Park blieb im Eigentum der Marktgenossenschaft. Beim Abriss 1938 wurden am Dachboden gusseiserne Grabkreuze gefunden (welche die Herrschaftsverwaltung bzw. später die Gemeinde vermutlich bei der Verlegung des Friedhofes von der Kirche zum heutigen Platz (1824) irgendwo zwischenlagern wollte).

 

  Haarstube um 1940

 

Alois Holzer, während der Zwischenkriegszeit (1924 bis 1937/38) Gemeinderat, versuchte im heutigen „Holzer-Park“ ein Lichtspieltheater (Kino) zu errichten, ein einziges Mitglied der mehr als 36-zähligen (18 Ur-Häuser-Männer plus Frauen) Marktgenossenschaft verweigerte jedoch seine Zustimmung. So blieb der Park ein Park, den heute noch viele Junge und Alte genießen können.

 

Laut Dir. Zaoralek wurde in der alten Hoarstubn Mitte des 19. Jahrhunderts noch von den Hinrichtungen „am Bluatkogl“ erzählt (heute Kriegerdenkmal am Kaiserriegl – der seit dem 50-jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Josph 1898 so heißt - davor „Tanzbichl“ genannt, weil Platz der uralten Dorflinde). Dies berichtete ihm die in den 1950er-Jahren schon 90-jährige „Nest Marie“, welche das wiederum von ihrer Großmutter erzählt bekam.

 

 

Foto des Bauzustandes Ende der 1940er-Jahre nach der Neuerrichtung der Holzkonstruktion (Holzständerbau mit Verschalung und Veranda)

 

 

Die Namensgebung des Holzer-Parks erfolgte prägend durch Pfarrer Rudolf Neumayer (1945 bis 1964 in Krumach) in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, und zwar aufgrund der Tatsache, dass sowohl oberhalb als auch unterhalb des damaligen Marktgenossenschafts-Parkes und heutigen Parkes der Marktgemeinde Krumbach Holzers wohnten. Vermutlich hat sich der Name durch kirchliche Ankündigungen für die Fronleichnams-Prozessionen, die erstmals 1967 unter Pfarrer DDr. Ladislaus Klener hierher führten, allgemein eingebürgert. Dieser Ort bildete am 7. Mai 1967 auch den Abschlusspunkt einer Prozession mit dem Gnadenbild „Maria Landshut“. Immer öfter wurden in den folgenden Jahren Feldmessen hier abgehalten (zu Fronleichnam, zu Anlässen der Freiwilligen Feuerwehr, usw.). Angaben aus „750 Jahre Pfarre Krumbach“.

 

Warum die Haarstube genau hier errichtet wurde, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es befanden sich aber nur etwa 100m entfernt sogenannte „Erdställe“ (vermutlich aus dem Mittelalter oder aus noch früherer Zeit) in der Hanglehne. Sie sind heute verfallen, ihre Eingänge waren vor einigen Jahrzehnten aber noch sichtbar, und zwar direkt hinter dem heute noch erkennbaren gemauerten Vorwärmbecken (für das erste „moderne“ Krumbacher Schwimmbad), das sich am Südrand des Holzer-Parks auf halber Hanghöhe befindet (um 1895 erbaut, zur selben Zeit, als auch der vorbeifließende Pfarrbach „wildbachverbaut“ wurde – das „Alt Padtheißl“ im Markt wird dagegen bereits 1557 erwähnt!).

 

 

 

Haarstube um 1960

 

 

Die zum Vorwärmbecken gehörige alte Tonwasserleitung wurde bei den Umbauarbeiten der Haarstube im Jahr 2005 ausgegraben, und sah fast wie neu aus. Sie war allerdings völlig mit Schlamm gefüllt. Die Leitung hatte ihren Ursprung bei einer Quelle in der Nähe des Bauernhauses Winkler bei der Tiefenbachstraße.

 

 

 

 2003

 

 

 

Die Erdställe oder Erdhöhlen wurden in Kriegszeiten oder bei Überfällen als Fluchtorte genutzt, möglicherweise ursprünglich auch als Kultstätten verwendet. In Friedenszeiten hielt man diese dunklen und oft verzweigten, ja gar labyrinthartigen Erdgänge als nicht ganz geheuer und glaubte, dass diese von Zwerglein und Erdmännchen behaust wurden. Erdställe besitzen meist einen engen, nur in kriechender Stellung benutzbaren Eingang. Dieser führt in schmale Gänge, in denen man sich nur gebückt oder kriechend fortbewegen kann, zu einer kammerartigen Erweiterung. Jener der Haarstube nächstgelegene Stollen geht in den Bäcker-Riegel.

 

 

 

Bild: Bauzustand 2004 vor dem letzten großen Umbau (nun gemauerter Vorbau)

 

 

Ein Augenzeuge beim Bau des Schwimmbades erzählte um 1900, dass er nach Passieren des engen Stollens auf eine Wand von luftgetrockneten Ziegeln stieß, diese durchbrach und in einem rundlichen Kämmerchen ein paar Eisen- und Holzteile fand. Von hier führte wieder ein mit Ziegeln oder Steinen verlegter Gang weiter. Der Stollen wurde verschüttet. Auch bei einigen anderen Häusern in Krumbach wurden solche Erdställe gefunden, die ursprünglich teilweise verbunden waren.

 

 

Folgendes Bild: Luftaufnahme ca. aus dem Jahr 1980

 

 

 

 

Bild: Renovierungsarbeiten außen und Neubau des Dachgeschosses im Jahr 2004

 

 

Hochwasser am Pfarrbach bei der Haarstube in den 1960er-Jahren – der ganze Parkweg und sogar noch Teile des Gartens der Haarstube wurden weggerissen, im Vordergrund ein Strommast, eine Fußgängerbrücke fortgespült – Blick hinauf zur Brücke der Tiefenbachstraße

 

 

Weniger schlimme Hochwasserschäden im August 2005 (Unterspülung der Tiefenbachstraße, Ausuferung am Parkweg), an ähnlicher Stelle aufgenommen

 

 

Quellen:

Marktbuch der Markgemeinde Krumbach aus 1643, Haarspinnregister ab 1577 und ab 1596

Prof. Mag. Dr. Heinz Jankowsky, Wien

Zaoralek-Chronik, persönliche Mitteilungen